Online-Begleitung: Einheit 02: Rassismus, Eurozentrismus, White Saviour-Komplex, Voluntourismus | Brückenwind

Vorbereitung

Online-Begleitung für Freiwillige an Europas (Außen-)Grenzen

 

2. Rassismus, Eurozentrismus, White Saviour-

Komplex, Voluntourismus


Als Freiwillige*r in der humanitären Hilfe ist es unserer Meinung nach sehr wichtig, sich mit bestimmten Aspekten von Rassismus und den Konzepten des Eurozentrismus, Voluntourismus und des sogenannten “White Saviour-Komplex” kritisch auseinanderzusetzen. Lass dich von den komplizierten Begriffen nicht abschrecken, falls du sie nicht kennst. Klicke auf die jeweiligen Konzepte für eine kurze Definition und eine Erklärung, warum sie in diesem Kontext eine wichtige Rolle spielen.
 
 
 
 

Rassismus

Was bedeutet Rassismus?

  • Rassismus ist ein globales soziales Phänomen, das nicht losgelöst von seiner historischen Verbindung mit dem Kolonialismus, Versklavung, ökonomischer Ausbeutung und der Entstehung des Kapitalismus betrachtet werden kann.
  • Es fällt nicht immer einfach, Rassismus in all seinen Facetten und Erscheinungsformen sofort zu erkennen:
    • Rassismus kann sich sehr deutlich äußern, beispielsweise bei Menschen, die sich mit menschenfeindlichen Parolen klar zu einer rassistischen Gesinnung bekennen.
    • Rassismus kann sich auch in subtileren alltäglichen und sprachlichen Formen äußern, die unterbewusster und vielschichtiger sind und bei denen es deshalb viel schwerer fällt, sie als Rassismus zu erkennen.
Begriffserklärungen

Globaler Süden & Globaler Norden:
Mit dem Begriff Globaler Süden wird eine im globalen System benachteiligte gesellschaftliche, politische und ökonomische Position beschrieben. Globaler Norden hingegen bestimmt eine mit Vorteilen bedachte Position.
Die Einteilung verweist auf die unterschiedliche Erfahrung mit Kolonialismus und Ausbeutung, einmal als Profitierende und einmal als vornehmlich Ausgebeutete. Während in Begriffen wie „Entwicklungsländer“ eine bestimmte Vorstellung von „Entwicklung“ zum Ausdruck kommt, der diese Länder zu folgen hätten, wird mit dem Begriffspaar Globaler Süden bzw. Norden versucht, unterschiedliche politische, ökonomische und kulturelle Positionen zu benennen.
Die Einteilung in Süd und Nord ist nur bedingt geographisch gedacht. Australien gehört beispielsweise genau wie Deutschland mehrheitlich dem Globalen Norden an, weil der Großteil der Bevölkerung eine privilegierte Position genießt. Es gibt aber in beiden Ländern auch Menschen, die Teil des Globalen Südens sind, zum Beispiel Aboriginal Australians oder illegalisierte Personen. Andersherum gibt es auch in Ländern, die mehrheitlich dem Globalen Süden angehören, Menschen, die die bevorteilte Position des Globalen Nordens genießen, sei es, weil sie Weiß sind oder weil sie aufgrund ökonomischer Ressourcen zur global privilegierten Klasse gehören.

Schwarz & weiß:
Wir benutzen hier die Bezeichnungen Schwarz und weiß als Begriffe, die politische und soziale Konstruktionen darstellen: Sie beschreiben nicht die Hautfarben von Menschen, sondern ihre Position in einer Gesellschaft. Dabei geht es um eine ungleiche Machtverteilung, in dem weiß Interessen gegenüber Schwarz durchsetzen kann. Schwarz ist eine Selbstbezeichnung von Rassismus betroffener Menschen, als Gegenentwurf zu rassistisch geprägten Begriffen (die hier nicht extra genannt werden müssen). Als politische Begriff werden sie deshalb großgeschrieben. Weiß wird explizit benannt, um die dominante Machtposition zu kennzeichnen, die sonst meist unsichtbar bleibt. Denn wenn nur ein Teil der Menschen „extra“ benannt wird und eine zusätzliche Kategorie bekommt, dann gilt der andere Teil implizit als „normal“.

Person/People of Colour (PoC):
Die Bezeichnung Person oder People of Colour (PoC) bezieht sich auf alle rassifizierten Menschen, die in unterschiedlichen Anteilen über afrikanische, asiatische, lateinamerikanische, arabische, jüdische, indigene oder pazifische Herkünfte oder Hintergründe verfügen. Es handelt sich hier ebenfalls um eine Selbstbezeichnung von Menschen, die von Rassismus betroffen sind und wurde als politischer Begriff in den 1960ern entwickelt. Die Bezeichnung verbindet diejenigen, die durch eine weiße Dominanz abgewertet werden und handelt somit entgegen der kolonialen Strategie der Vereinzelung („Teile und herrsche“).
Konsequenzen von Rassismus

  • Wenn Menschengruppen in “Wir” und “die Anderen” eingeteilt werden, dann ist das Rassismus.
    Schau dir hierzu gern einmal dieses kurze Video an.
  • Wenn bestimmte Menschen einfach ein Visum erhalten und andere Menschen die Gefahr einer gefährlichen Flucht über das Mittelmeer eingehen müssen, dann ist das Rassismus.
    Schau dir hierzu gern einmal den Henley-Passport-Index an, der zeigt, wie viele Länder man visumsfrei mit welchem Reisepass bereisen kann.
  • Wenn Menschen ein bestimmter Wert zugesprochen wird, je nachdem, für wie produktionsfähig sie gehalten werden und Migrationsrecht auf dieser Grundlage aufbaut, dann ist das Rassismus.
    Unser Buchtipp hierzu : Achille Mbembe - Kritik der schwarzen Vernunft)
  • Diese tiefer liegende Form des Rassismus nennt man auch strukturellen Rassismus.

Daraus folgt:
  • Wir alle haben rassistische Verhaltens- und Denkmuster in uns, da wir in einer rassistisch geprägten Welt aufgewachsen sind und sozialisiert wurden.
  • Wir alle leben in Strukturen, die bestimmte Menschen privilegieren und andere diskriminieren.
  • Diese Strukturen haben sich im Zuge von Kolonialisierungen und der systematischen Unterdrückung und Ausbeutung großer Bevölkerungsgruppen historisch entwickelt und setzen sich bis heute fort.
  • Gerade weil es sich dabei um etwas Strukturelles handelt, ist es weniger gebunden an einzelne Individuen, sondern setzt sich in Vorstellungen, in Weltanschauungen, in medialen Darstellungen, in der Arbeit von Institutionen, im internationalen Recht um. Kleine, vielleicht sogar harmlos erscheinende Fragen oder Kommentare zum Aussehen oder der Herkunft von Menschen können rassistisch sein.

Man muss kein*e Rassist*in sein, um rassistisch zu denken, um Rassismus zu reproduzieren oder um von Rassismus zu profitieren. Weiße Menschen des Globalen Nordens profitieren von diesen Privilegien, ob sie dies aktiv wollen oder nicht. Gehörst du zu dieser privilegierten Gruppe, kannst du zunächst wenig daran ändern. Du solltest dir deiner Position jedoch stets bewusst sein und kritisch und reflektiert damit umgehen. Für eine solche kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Position und deren Bedeutung in Bezug auf die Arbeit in der humanitären Hilfe sollen dir die folgenden Themen und Erklärungen helfen.
Was bedeutet das für dich und deine Arbeit in der humanitären Hilfe?

  • Versuche nicht, deine eigenen Rassismen zu verleugnen: Da die Rassismen unserer Gesellschaft derart strukturell und tiefgreifend sind, kann sich niemand vor ihnen verschließen, sie prägen und beeinflussen unsere Sozialisation, unser Denken und unser Handeln. Umso wichtiger ist es also, die eigenen von Rassismus geprägten Denkweisen, Vorstellungen und Bilder zu erkennen, sich dieser bewusst zu werden, um ihnen dann aktiv entgegenzuwirken.
  • Lerne die Perspektive von Betroffenen kennen: Weiße Personen können Diskriminierungserfahrungen von PoC (häufig) nicht sehen, da sie selbst nicht davon betroffen sind und selbst viele Rassismen tief im eigenen Verhalten verankert sind. Das bedeutet aber nicht, dass du Betroffene nach ihren Diskriminierungserfahrungen ausquetschen solltest. Es gibt viele Artikel, Videos, Podcasts und Bücher, in denen Betroffene ihre Erfahrungen teilen. Eine kleine Auswahl haben wir weiter unten für dich bereitgestellt.
  • Werde dir deiner Verantwortung bewusst: Weiße Personen haben das Privileg, sich nicht mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen, da sie nicht davon betroffen sind, das heißt aber, dass Weiße eine (historisch gewachsene) Verantwortung besitzen, sich aktiv und selbstkritisch mit den eigenen Rassismen auseinanderzusetzen und gegen sie anzukämpfen.
  • Setze sich mit deinen eigenen Stereotypen, Vorurteilen und deiner eigenen eurozentrischer Perspektive auseinander: Versuche, deine eigenen Vorstellungen von Menschen und Menschengruppen zu überdenken und Vorurteile zu enttarnen und abzulegen. Hinterfrage kritisch, welche Vorstellung du davon hast, wie sich Menschen und Gesellschaften “zu entwickeln haben” und inwiefern diese Vorstellung von deiner eigenen Herkunft geprägt ist.

Weitere Lese-/Videotipps:
[Beide Bücher kannst du dir auch bei Spotify als Hörbücher anhören]
 
 

Eurozentrismus

Was bedeutet Eurozentrismus?

  • Eurozentrismus wird eine Einstellung bezeichnet, welche europäische Lebensweisen, Normen und Werte bzw. die, die als “westlich” verstanden werden, unhinterfragt in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns stellt.
  • Dabei geht es nicht um den Prozess, dass Menschen sich zunächst an dem orientieren, was sie gewohnt sind und aufgrund ihres eigenen Lebens kennen. Vielmehr geht es um eine aktive Abgrenzung zu “den Anderen”, einer Abwertung dieser und einer damit einhergehenden Erhöhung des “Eigenen”. Beim Eurozentrismus (der als Teil des Ethnozentrismus gilt) geht es also nicht um den Versuch andere Kulturen oder Lebensweisen besser zu verstehen.
  • Dass diese europäischen bzw. “westlichen” Normen, Werte und Lebensweisen weltweit Gültigkeit beanspruchen, liegt zu großen Teilen in der Kolonialgeschichte und deren bis heute andauernden Folgen verborgen.
Konsequenzen von Eurozentrismus

  • Die Kolonialgeschichte brachte ein starkes Ungleichgewicht des globalen Reichtums- und somit auch Machtverhältnisses zugunsten des Globalen Nordens hervor, welches bis heute besteht und auch an einigen Stellen reproduziert und verstärkt wird.
  • Diese ungleiche globale Machtverteilung hat auch zur Folge, dass die Definitionsmacht über das, was der Standard, die Normalität und das Erstrebenswerte ist, stärker vom Globalen Norden eingenommen werden kann und eingenommen wird..
  • Ausgehend von der Annahme, dass die kulturellen und politischen Systeme Europas das ideale Modell universeller Vernunft und menschlicher Entwicklung darstellen, wird Europa oder “der Westen” als Maßstab gesellschaftlicher Analysen und politischer Praxis betrachtet.
  • Diese Überlegenheitsvermutung geht häufig mit der Annahme einher, “die Anderen” wären in ihren gesellschaftlichen oder kulturellen Entwicklungen in einem rückständigen Stadium.
  • Die Denkweise, dass nicht-europäische oder nicht-westliche Gesellschaften in einem Stadium verharren, welches “der Westen” bereits überwunden habe, führt auch zu der überheblichen Haltung, “der Westen” müsse ihnen bei einer Art fortschrittlichen Entwicklung helfen.

Daraus folgt:
  • Es handelt sich bei diesen Einteilungen in “fortschrittlich” und “rückständig” nicht um Wahrheiten, sondern um europäische Konstruktionen und Fantasien, die dazu beitragen, den Globalen Norden und Europäer*innen bzw. weiße Menschen in einer Vormachtstellung zu halten.
  • Indem wir beispielsweise die ungleichen ökonomischen und politischen Verhält­nisse zwischen Globalem Norden und Süden damit erklären, dass “die Anderen” eben noch nicht so modern, fortschrittlich, entwickelt seien, machen wir es uns leicht: Wir machen die Menschen des Globalen Südens für die Verhältnisse verantwortlich und verleugnen die eigene Verantwortung.
  • Mit solchen Erzählungen wird erreicht, dass die gewalttätige koloniale Vergangenheit und die daraus entstandenen gegenwärtigen politischen und ökonomi­schen Verhältnisse nicht thematisiert werden müssen.
  • Gleichzeitig können wir die Vorteile, die wir tagtäglich daraus ziehen, als unsere eigene Leistung wahrnehmen und so tun, als ob sie uns quasi selbstverständlich zustehen – obwohl wir nichts dafür getan haben. So wird Ungleichheit zu einer natürli­chen Gegebenheit gemacht, wodurch ihr Weiterbestehen nicht in Frage gestellt werden muss. Damit wird deutlich, dass das Nichtbenennen von Geschichte und eigener Bevortei­lung in der Gesellschaft eine aktive, interessengeleitete Handlung ist und nicht einfach nur unschuldige Unwissenheit oder Vergessen.

Lesetipps zum Thema Eurozentrismus in Bezug auf die Arbeit von internationalen Organisationen:

Was bedeutet das für dich und deine Arbeit in der humanitären Hilfe?

  • Reflektiere deine Sicht auf und deine Bewertung der Handlungen anderer Menschen:: Während deiner Tätigkeit wirst du dich immer wieder in Momenten wiederfinden, in denen Menschen andere Entscheidungen treffen, anders handeln oder reagieren, als du es getan hättest. Vielleicht fällt es dir schwer, diese Entscheidungen nachvollziehen oder verstehen zu können. Das Wichtige ist in diesen Momenten, dass du diese Entscheidungen oder Handlungen respektierst und deine Meinung nicht über ihrer erhöhst.
  • Reflektiere deine eigene eurozentristische Haltung: Versuche, zu erkennen, wo und in welcher Form du eurozentristischen Denkweisen folgst. Folgende Fragen können dir dabei helfen:
    • Wie könnten die schutzsuchenden Menschen, mit denen ich arbeite, meine Teammitglieder, aber auch die lokale Bevölkerung in Griechenland, bestimmte Situationen wahrnehmen und beurteilen in Anbetracht ihrer Sozialisation und kulturellen Herkunft?
    • Was setze ich vielleicht voraus? Welche Normen muss ich hinterfragen?
    • Gibt es im eigenen Weltbild ethische Prinzipien, die dem Akzeptieren von Wertvorstellungen und Praktiken anderer Kulturen Grenzen setzen?
  • Beachte die Grundsätze der humanitären Hilfe: Menschlichkeit, Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit sind die Grundpfleiler der humanitären Hilfe. Begegne also allen Menschen respektvoll und achte stets darauf, dass keine Einzelpersonen oder Gruppen bevorteilt oder vernachlässigt werden. .
  • Äußere dich nicht belehrend: Die Menschen, mit denen du zusammenarbeiten wirst, bringen verschiedene Lebensweisen, Erfahrungen und meist auch traumatische Fluchtgeschichten mit. Womöglich wirst du einige ihrer Entscheidungen nicht verstehen können, da du vielleicht ihre Erfahrungen, Gewohnheiten oder Vorlieben nicht nachvollziehen kannst. Achte darauf, dass du deine Ansichten und Entscheidungen nicht über ihre stellst und niemals belehrend auf sie einwirkst.

 
 

White-Saviour-Komplex

Was bedeutet White-Saviour-Komplex?

  • White-Savior-Komplex (Weiße-Retter*innen-Komplex) beschreibt die Vorstellung, dass es weißer Menschen des Globalen Nordens bedarf, um andere Menschen(gruppen) aus ihrer Unterdrückung oder auch einfach nur aus ihrer Lebenslage zu “retten”.
  • White-Savior-Komplex bezeichnet somit das Phänomen, dass Menschen glauben (bewusst oder unterbewusst), ihre Herkunft, ihre Erziehung und (Aus-)Bildung in einem Land des Globalen Nordens, verleihe ihnen das Recht, das Wissen und die Legitimation, um andere Menschen „aufzuklären“.
Konsequenzen des White-Saviour-Komplexes

Besonders deutlich wird dieses Phänomen in den zahlreichen zwar hochmotivierten, aber unausgebildeten Abiturient*innen, die nach dem Schulabschluss in die Welt bzw. den Globalen Süden ziehen, um in sogenannten Hilfsprojekten “etwas Gutes zu tun” oder um “zu helfen”.

Daraus folgt:
  • Die Tatsache, dass junge Menschen, die meist nicht die notwendigen Qualifikationen besitzen, dennoch in Projekten der sogenannten „Entwicklungszusammenarbeit“ eingesetzt werden, macht deutlich, welche Überheblichkeit des Globalen Nordens mit diesem Format einhergeht.
  • So werden nicht nur historisch alt eingesessene Hierarchisierungen und von Rassismus geprägte Bilder der passiven und hilfsbedürftigen „Anderen“ reproduziert, sondern Themen auch stark verkürzt dargestellt.
  • Das Phänomen des White-Saviour-Komplexes ist aber nicht nur in der Arbeit von Organisationen des Globalen Nordens, die im Globalen Süden tätig sind, zu finden, sondern auch in der Selbstdarstellung von Menschen in den Sozialen Medien oder auch in zahlreichen Hollywood-Filmen, in denen es weißer Held*innen bedarf, um andere Menschen aus ihrer diskriminierten Position zu befreien.

Was bedeutet das für dich und deine Arbeit in der humanitären Hilfe?

  • Sei dir deiner Position und Rolle bewusst: Als Freiwillige in der humanitären Hilfe findest du dich in einer Situation wieder, die sich aus nur schwer erträglichen Machtdynamiken und Abhängigkeitsverhältnissen zusammensetzt. Sei dir deiner eigenen Position bewusst, nutze sie nicht aus und versuche, einen guten Umgang mit dieser Rolle zu schaffen. (Schau dir hierzu gern auch noch einmal unsere Einheit 5 ein wenig an!)
  • Versuche deine eigene Motivation ehrlich zu ergründen : Versuche zu verstehen, weshalb du diese Arbeit machen willst. Was motiviert dich? Vielleicht hast du den Wunsch danach, “etwas Gutes zu tun”, vielleicht sogar das Bedürfnis nach Dankbarkeit und Anerkennung. Sei dir dieser Aspekte bewusst und versuche, sie kritisch zu reflektieren. Es ist in Ordnung, solche Gedanken und Wünsche zu haben, sie sollten jedoch nicht den Hauptteil deiner Motivation ausmachen.
  • Achte auf die Außenwirkung deiner Arbeit: Sei dir stets darüber im Klaren, welche Wirkung deine Berichte oder Posts auf Sozialen Medien haben können. (Schau zu diesem Thema auch noch einmal in unsere Einheit 6 rein!)

Weitere Lese- / Video-/ Hörtipps zum Thema:

 
 

Voluntourismus

Was bedeutet Voluntourismus?

  • Ein besonderes Phänomen heutiger internationaler Freiwilligenarbeit ist der sogenannte Voluntourismus, also eine Verbindung von “Volunteering” (engl.: Freiwilligenarbeit) und “Tourismus”, bei der letzteres im Fokus steht. Bei den Anbietern handelt es sich meist um Agenturen, die Freiwilligenarbeit vor allem als Teil einer spannenden Reise und als Abenteuer anpreisen. Die Qualifikation und Eignung der Freiwilligen für die Mitarbeit im Projekt steht hier weniger im Fokus, als ihre finanziellen Möglichkeiten.
  • Freiwillige bezahlen oft hohe Summen, um an diesen Programmen teilnehmen zu können, die aber in den meisten Fällen hauptsächlich in die Agenturen anstatt in die Projekte vor Ort fließen.
  • Auch sehr kurze Tätigkeiten von Freiwilligen, die in eine größere Reise eingebettet sind, können als Voluntourismus verstanden werden.
Konsequenzen von Voluntourismus

  • Die Vorteile dieser Freiwilligenarbeit kommen dabei einzig und allein den Freiwilligen selbst zugute: Sie erleben ein internationales und interkulturelles “Abenteuer”, machen neue Bekannt- und Freundschaften, können die Erfahrungen meist in ihren Lebensläufen nutzen und schließen ihren Aufenthalt unabhängig von der Realität mit dem Gefühl ab, “etwas Gutes” getan zu haben.
  • Für die Menschen in den Gastländern jedoch ist diese Form der Freiwilligenarbeit meist eher schädlich als alles andere, da nicht die Unterstützung im Sinne des Projekts respektiert und verfolgt wird, sondern die Erfahrung und das Vergnügen der Freiwilligen priorisiert werden.

Daraus folgt:
  • Auch im Kontext humanitärer Hilfe ist dieses Phänomen vorzufinden. Hier ist es häufig in Form von “Katastrophentourismus” vertreten - dieser Begriff bezieht sich auf Personen, die vor allem in ein Krisengebiet reisen, um zu Hause von ihren Eindrücken und Erfahrungen berichten zu können, und “etwas zu erleben”.
  • So werden nicht nur historisch alt eingesessene Hierarchisierungen und von Rassismus geprägte Bilder der passiven und hilfsbedürftigen „Anderen“ reproduziert, sondern Themen auch stark verkürzt dargestellt.
  • Gleichzeitig mangelt es häufig an Fachwissen und Qualifikation der Freiwilligen, was nicht zwingend den Freiwilligen anzulasten ist, aber trotzdem auch problematisiert werden muss:
    • Aufgrund der aktuellen Situation an Europas Außengrenzen und dem fehlenden politischen Willen, etwas an dieser Situation zu ändern oder auch nur professionelles und ausgebildetes Personal für diese humanitäre Krise bereitzustellen, bedarf es weiterhin der Arbeit vieler Freiwilliger in diesem Bereich.
    • Dies hat jedoch auch zur Folge, dass Menschen, die eigentlich nicht über die für diesen Bereich notwendige Qualifizierung verfügen, in den Projekten arbeiten und sie koordinieren.
    • Trotz bzw. gerade wegen dieser Umstände ist es umso wichtiger, dass die Projekte selbst über eine gewisse Stabilität verfügen und in der aktuellen Situation auch langfristig funktionsfähig sind. Projekte, die nach kurzer Zeit im Sande verlaufen, erzeugen eine Erwartungshaltung oder schaffen Hoffnungen, die dann zerstört oder enttäuscht werden und richten so einen hohen Schaden an.

Was bedeutet das für dich und deine Arbeit in der humanitären Hilfe?

  • Schau genau hin bei der Auswahl deiner Organisation: Erfüllt die Organisation, für die du arbeiten möchtest ein gewisses Maß an Nachhaltigkeit und kritischer Selbstreflexion? Projekte, die zwar gut gemeint sind, sich aber nicht lange genug halten können oder Versprechungen machen, die sie nicht einhalten, können viel Schaden anrichten. Halte dich an den Leitsatz der humanitären Hilfe: Do no harm!
  • Hinterfrage vor diesem Hintergrund selbstkritisch deine Motivation: Versuche in dich hineinzuhorchen: Findest du Aspekte des Voyeurismus in deiner Motivation? Mit anderen Worten: Spielt der Reiz, den solche Krisen und humanitäre Katastrophen manchmal auf uns ausüben, eine entscheidende Rolle in deiner Motivation? Gehe in dich und versuche, deine Gründe auf dieser Grundlage selbstkritisch zu hinterfragen. Humanitäre Hilfe sollte kein Katastrophentourismus sein.
 
 
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